Kinder als Experten in eigener Sache

Category: Schönheit Comments: 0 Post Date: April 3, 2019

Kinder als Experten in eigener Sache

Geschickte Erziehung und Strategie der Eltern kann vor Übergewicht schützen

Ob Menschen dick oder dünn sind, hängt unter anderem von Ernährung und Bewegung ab. Für beides legen Eltern bereits in der frühen Kindheit die Grundlagen. Mit der richtigen Strategie können sie ihren Kindern helfen, sich normal zu entwickeln und vernünftig mit dem Essen umzugehen. Gabriela Freitag-Ziegler berichtet.

Statistik der Fettleibigkeit in Deutschland

Seit Jahrzehnten beobachten Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker mit Sorge, dass immer mehr Erwachsene und Kinder übergewichtig sind. 15 Prozent der unter 17-Jährigen sind in Deutschland betroffen. Auf der anderen Seite sind sieben Prozent der drei- bis 17-Jährigen untergewichtig. Dazu gehören auch viele Mädchen, die an Magersucht oder Bulimie (Ess-Brechsucht) leiden.

Kinder als Experten in eigener Sache
Cute little sisters playing with their own phone and ignoring each other at a park

Diverse Konzepte und Projekte sollen diese Zustände verbessern; wissenschaftliche Studien untersuchen Ursachen und Lösungsmöglichkeiten. Bisher blieben die meisten Bestrebungen jedoch ohne durchschlagenden Erfolg, vor allem, wenn es darum geht, auf Erwachsene einzuwirken. Daher konzentriert sich heute alles auf Kinder und Jugendliche, denn grundsätzlich sind die lernfähiger als Erwachsene. Im Fachbuch „Kinderernährung aktuell“, herausgegeben von Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung, werden die Zusammenhänge von allen Seiten und aus verschiedenen Fachrichtungen beleuchtet. Darin widmen sich zwei zentrale Kapitel der Frage, wie sich das Essverhalten in der frühen Kindheit entwickelt und wie es günstig beeinflusst werden kann. Fazit: Eltern, Großeltern und Erzieher, die über diese Dinge Bescheid wissen, können die Weichen von Anfang an in die richtige Richtung stellen. Dadurch leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Vorbeugung von Übergewicht und Essstörungen sowie zu einem positiven Selbstbild.

Nehmen wir einmal an, dass Eltern in etwa wissen, welche Lebensmittel ihre Kinder in welchen Mengen brauchen. Rein theoretisch sollten sich diese Kinder dann besser ernähren und entwickeln als Kindern aus Familien ohne dieses Grundwissen. Tatsächlich scheitert die Umsetzung jedoch oft an der Realität. Erwachsene wissen einfach nicht, was in den Köpfen ihrer Kleinen vorgeht. So ist es völlig normal, wenn Kinder neue Lebensmittel nicht auf Anhieb mögen, sondern erst, wenn sie diese mehrmals probiert haben. Dahinter verbirgt sich kein Mäkeln, sondern ein biologisches Sicherheitsprinzip. Das schützt vor unbekannten und damit möglicherweise gefährlichen Lebensmitteln. Lehnt ein Kind also beim ersten Versuch den Kohlrabi ab, sollten Eltern diesen geduldig immer wieder mal anbieten. Dabei ist Zwang tabu, denn darauf reagieren Kinder mit Gegenwehr und Trotz. Über kurz oder lang verlieren sie die Freude am Essen.

Eltern als Vorbilder

Viel wichtiger ist das gute Vorbild der Eltern. Vor allem Kleinkinder orientieren sich beim Essen wie bei anderen Dingen – zum Beispiel Bewegung, Fernsehen – in erster Linie an ihren Eltern, also denjenigen Menschen, denen sie bedingungslos vertrauen. So essen Kinder oft viel selbstverständlicher Gemüse oder Vollkornnudeln, wenn diese offensichtlich auch den Großen schmecken.Gut gemeint, aber vergeblich ist es, bei jüngeren Kindern mit dem Wort „gesund“ zu argumentieren. Kinder bis ins Grundschulalter können damit wenig anfangen. Im schlimmsten Fall erreicht man das Gegenteil und das Kind verknüpft die Lebensmittel, die es gerade nicht mag, mit dem Begriff gesund. Auch die elterliche Drohung, dass viel Schokolade dick macht oder Bonbons schlecht für die Zähne sind, erreicht bei Kleinkindern selten ihr Ziel. Diese Verknüpfungen sind viel zu abstrakt und die möglichen Ereignisse – dick sein, Löcher in den Zähnen haben – zu weit weg. Kinder denken und fühlen viel kurzfristiger und dabei lernen sie: Ich esse heute Schokolade und bin trotzdem morgen noch nicht dick.

Im Gegensatz zur abstrakten Gesundheit erleben sie den guten Geschmack von Schokolade unmittelbar und sehr konkret. Geschmack, Geruch und Genuss sollten also bei kleinen Kindern ruhig im Vordergrund stehen. Das klappt mit ein wenig Geduld auch bei den Lebensmitteln, die das Kind nicht zu seinen Leibspeisen zählt. Denn viele eher unbeliebte, dafür aber empfehlenswerte Lebensmittel haben hier viel zu bieten, wenn sie gekonnt zubereitet und angeboten werden.

Verbote helfen wenig

Wenig Erfolg verspricht auch das strenge Verbot kritischer Lebensmittel. Wie in anderen Bereichen auch, sind verbotene Dinge besonders reizvoll und bei erstbester Gelegenheit wird dann das Versäumte nachgeholt. So bevorzugten in einem Experiment besonders diejenigen Kinder die süßeste Limonade, die zu Hause keine trinken durften. Man könnte diese Erkenntnis aber auch für sich nutzen. Um beim Gemüsebeispiel zu bleiben: Zielführender als die Aussage „iss Gemüse, damit du groß und stark wirst“ wäre vermutlich das Verbot „du darfst kein Gemüse essen, das ist nur für Erwachsene.“ Dennoch sind sich die Experten einig, dass unsere heutige Überflussgesellschaft nicht ohne Beschränkungen auskommt. Diese sollten allerdings maßvoll zum Einsatz kommen.

Um Kinder erfolgreich zu einem guten Essverhalten zu erziehen, braucht es ein neues Vertrauen in ihre Eigenverantwortung, zum Beispiel bei der Frage „Satt oder nicht?“ Als „Experten in eigener Sache“ entscheiden Kinder dies am besten selbst. So bleibt ihre innere Hunger-Sättigungs-Regulation erhalten und die Eltern stellen nicht ihre Autorität über die inneren Bedürfnisse des Kindes. Statt darauf zu drängen, „den Teller leer zu essen“, signalisieren Fragen wie „bist du satt oder möchtest du noch einen Nachschlag?“, dass Eltern (oder Erzieher) das Kind wirklich ernst nehmen.

Damit müssen sie nicht zwangsläufig die Kontrolle aus der Hand geben. Stattdessen entscheiden sie schon beim Einkauf, was zu Hause überhaupt auf den Tisch und damit zur Auswahl kommt. Überließe man diese Entscheidung den Kindern, würden vermutlich noch mehr vielversprechende, dabei aber überflüssige Kinderlebensmittel im Einkaufswagen landen. Dass derartige Lebensmittel für eine gesunde, leckere und bedarfsdeckende Kinderernährung nicht notwendig sind, können die Kinder ja nicht wissen.

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